Jürg Graser

werk, bauen + wohnen, 2010, Nr. 5

Den­ken in Sys­te­men

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Die Radikalität von Hallers Denken ist gleichzeitig faszinierend und beängstigend. Die Vorstellung einer von Architektursystemen überzogenen Welt, seien sie von Fritz Haller, den japanischen Metabolisten oder seien es die Megastrukturen von Superstudio, lässt einen erschaudern; bleiben sie – paradoxerweise – Einzelwerke, bereichern sie in ihrer Prägnanz und Eindeutigkeit unseren architektonischen Alltag. Der während der Postmoderne geäusserte Vorwurf, die totale Herrschaft der Technik schalte jeden Humanismus aus, greift zu kurz.  Hallers Denken geht vom Menschen aus, es ist universal, weil es die Probleme dieser Welt an der Wurzel lösen will. In der globalisierten Welt wachsen die verschiedenen Gesellschaften mehr und mehr zusammen, ihre ökologischen und ökonomischen Probleme können nicht mehr unabhängig voneinander gelöst werden. Die Kritik, ein einzelnes Gedankengebäude sei untauglich, die komplexen Probleme dieser Welt zu lösen, mag berechtigt sein. Trotzdem schafft im Pluralismus des «anything goes» vielleicht gerade das System eine Fokussierung, die erst das gültige Resultat ermöglicht. Hallers Begriff des Systems geht viel weiter als gemeinhin angenommen, er spricht im Interview auch von Intuition als einer möglichen Spielart. Insofern muss das System die Kreativität nicht beschneiden, sondern kann sie sogar beflügeln.